Sein Look ist cool, sein Auftreten extravagant. Selbst wenn er kein herausragender Sportler wäre, würde der Modellathlet auffallen: PerspektivTeam Athletik Bo Kanda Lita Baehre – längst eine Marke mit Wiedererkennungswert. Der unterhalb des rechten Schulterblattes auftätowierte Flügel, die lange schwarze Stulpe am Arm, die glitzernden Stecker in beiden Ohrläppchen – so zieht der erfolgsverwöhnte Youngster viele Blicke auf sich und die Fans in seinen Bann. Den Stab hat er ebenfalls fest im Griff, reizt dessen Funktion als Flitzbogen aber noch lange nicht aus.

Sein Arbeitsgerät mit gehörig Schubkraft so zu krümmen, dass er als Pfeil nach oben schießt, diese Zeiten kommen noch. Die Voraussetzungen dazu hat „Bo“, wie ihn seine Freunde rufen, zweifelsohne. Er ist erst 18 Jahre alt, also noch weit entfernt von dem Zeitpunkt, an dem sich für einen Stabhochspringer physische Fähigkeiten und disziplinspezifische Fertigkeiten optimal ergänzen. Andere wichtige Eigenschaften besitzt er indes schon: Mut, Entschlossenheit und eine ausgeprägte Willenskraft – das Rüstzeug, um ganz nach oben zu kommen.

Unter anderem gehört Turnen zu den Trainingsinhalten. Viel Wert wird auf Übungen zur Schulung von Koordination, Stabilisation und Gleichgewicht gelegt. Die sportliche Vielseitigkeit ist familiär verankert. So hat sich sein Cousin Leroy Lita als Fußball-Profi in der englischen Premier League einen Namen gemacht. Die Stabhochsprung-Hoffnung selbst könnte wohl auch ein Ass unterm Korb sein. Jedenfalls war Bo Kanda Lita Baehre früher Basketballer. Doch dann wurde seine Leidenschaft für die Leichtathletik geweckt.

Unter Juri Zwetkow und Jochen Grundmann absolvierte er beim ART Düsseldorf ein breitgefächertes Grundlagentraining. Andreas Warnt brachte ihm die ersten Kniffe in seiner heutigen Disziplin bei. 2014 verbesserte Bo Kanda Lita Baehre mit der Neunkampf-Mannschaft seines Stammvereins die deutsche Bestleistung der U16. Und holte drei Monate später seinen ersten deutschen Meistertitel im Stabhochsprung – bei der Premiere der U16-DM in Köln. Der Hausrekord damals: 4,45 Meter.

OSP Stabhochsprungtrainerin Christine Adams mit „besonderem Händchen“

Rasch ging es immer höher hinaus und immer weiter nach vorn. Erstes internationales Achtungszeichen: der Sieg beim Europäischen Olympischen Jugend-Festival (EYOF) 2015 in Tiflis (Georgien). Das Silber bei der U18-EM im Jahr danach – ein weiteres Zeichen zunehmenden Niveaus. Der Wechsel zu Bundesnachwuchs und OSP-Trainerin Christine Adams nach Leverkusen brachte rasante Fortschritte. Mit pädagogischem Geschick und dem buchstäblich besonderen Händchen begann die Hallen-EM-Zweite von 1996 und 2000 das Naturtalent zu formen.

Glückliche Fügung: Die 43-Jährige ist beim TSV Bayer 04 auch Kontaktperson für die im Sportinternat Lebenden. So unterstützt sie ihren Musterschüler, der aufs Berufskolleg geht und dort 2019 sein Abitur machen möchte, auch außersportlich.

In diesem Jahr steigerte Bo Kanda Lita Baehre seine Bestleistung ein ums andere Mal. Schon der Beginn war verheißungsvoll. Im Januar startete er beim Season Opening auf seiner Heimanlage mit 5,30 Metern, sprang dann in Merzig mit 5,33 Metern wieder so hoch wie nie und schwang sich eine Woche später bei den Nordrhein-Hallenmeisterschaften erstmals über 5,40 Meter. Bei der U20-Hallen-DM Ende Februar in Sindelfingen schraubte er sich sogar über 5,50 Meter.

Im Sommer beeindruckte „Bo“ national als Meister aller Klassen. Die Titel in U20 und U23 – programmgemäß. Das DM-Gold in der Männerklasse – das Sahnehäubchen. Als weitaus Jüngster im Feld meisterte er im ersten Versuch 5,60 Meter. Das brachte den Sieg vor Raphael Holzdeppe (LAZ Zweibrücken). „Als ich vor zwei Jahren die anderen Springer sah, dachte ich, das dauert noch relativ lange, bis ich dort mit springen kann“, konnte Bo Kanda Lita Baehre seinen kometenhaften Aufstieg da selbst noch nicht so richtig glauben.

Seine unvergleichliche Siegesserie – auch ein Zeichen ausgeprägter mentaler Stärke. „Ich gehe nicht einfach in den Wettkampf und sage, dass ich Spaß haben will, sondern ich will gewinnen“, verrät der Modellathlet. „Wenn man mit der Einstellung, ich will Fünfter werden, in den Wettkampf geht, dann wird der Wettkampf nicht so gut.“ Eine Aussage, die er nach dem Silber bei der U20-EM in Grosseto (Italien) bekräftigte: „Eine Medaille ist schon gut. Aber egal wie die Vorleistungen sind, man will natürlich auch gewinnen.“ Obwohl nur U20-Weltrekordler Armand Duplantis (Schweden) besser war, klang fast ein bisschen Unzufriedenheit durch.

Wenige Tage danach hievte er sich bei den Stabhochsprung Classics auf seiner Leverkusener Trainingsanlage im ersten Versuch über 5,61 Meter – derzeit gültiger Hausrekord. Beim zweiten Versuch an 5,71 Metern touchierte Bo Kanda Lita Baehre die Latte nur minimal mit der Brust. Beim dritten Versuch blieb sie zunächst sogar länger liegen. „Er hat ein Riesenpotenzial und allein dadurch Entwicklungsmöglichkeiten, weil er noch mit kurzem Anlauf springt“, lobte Danny Ecker, mit 6,00 Metern Deutscher Hallenrekordler.

Beim ISTAF in Berlin, quasi einer Saison-Zugabe, blieb er nach zehntägigem Urlaub unter seinen Möglichkeiten. „Es ist ein Traum zum Beispiel gegen Renaud Lavillenie zu springen, Leute die man früher im Fernsehen betrachtet hat“, so die Erklärung für den Start mitten in der Regenerationsphase. „Für Außenstehende sieht die Technik schon ziemlich gut aus, für mich selbst nicht. Ich kann den Arm beim Absprung noch länger gestreckt halten, den Stab höher tragen, den trage ich noch ziemlich tief. Da gibt es noch viele Sachen“, sieht der Rheinländer, der noch ein U20-Jahr vor sich hat, zahlreiche Verbesserungsmöglichkeiten.

2018 wartet die U20-WM in Tampere (Finnland). Die Zielsetzung? „Natürlich will man besser sein, der Beste der Welt sein, sonst macht man das nicht“, zeigt Bo Kanda Lita Baehre einmal mehr, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Dass 5,90-Meter-Springer Armand Duplantis im Moment noch unerreichbar scheint und weitere vier Gleichaltrige in diesem Jahr weltweit auch noch höher hinaus kamen als er – keine Bürde, sondern eine Herausforderung.

Im Winter soll der deutsche U20-Hallenrekord geknackt werden. Er steht seit 2008 bei 5,68 Metern – gehalten von Raphael Holzdeppe. Im Sommer soll dessen U20-Freiluft-Höchstmaß fallen, das bei 5,80 Metern liegt. Fest eingeplant ist die Heim-EM. „Im nächsten Jahr in Berlin bin ich Teilnehmer, auf jeden Fall“, sagt Bo Kanda Lita Baehre zwinkernd und steckt die eigenen Erwartungen hoch. Dass er sich damit nicht unnötig unter Druck setzt, dafür dürfte sein jugendlicher Leichtsinn sorgen. Und die ihm eigene Coolness.

Quelle Text und Bild: leichtathletik.de